Out of the Past - queere Filmgeschichte_n

Genau wie die Literatur hat es auch der Film schon immer getan. Bis vor nicht allzu langer Zeit mit Diskretion, List und kalkulierter Doppelbödigkeit, seit einer Weile in lustvoller Offenheit: Die Thematisierung gleichgeschlechtlicher Liebe und geschlechtlicher Lebensentwürfe jenseits der binären Konstruktion von männlich/weiblich. Damit dies so legal wurde, wie es schon immer legitim war, musste aber erst einmal mit viel künstlerischem und politischem Engagement eines der wirkmächtigsten Tabus in der Kunstproduktion gebrochen werden.

Dabei kam dem Film zugute, dass er – durch seine Breitenwirkung stärker noch als die Literatur – von Beginn an nicht nur ein ästhetisches Medium, sondern auch ein politisches Vehikel war. So war von Anfang an klar, dass im Kulturprogramm zur Ausstellung „Homosexualität_en“ des LWL-Museums für Kunst und Kultur das Medium Film einen herausragenden Platz bekommen musste. Genauso naheliegend war der Schulterschluss mit dem Verein Die Linse, der seit fast drei Jahrzehnten zu genau diesem Thema kompetente und engagierte Filmarbeit leistet.

Aus der Grundidee, möglichst viele cineastische Facetten queeren Lebens abzubilden, haben sich bei der Kuratierung der Reihe folgende Fragen herausgebildet: Welche Filme waren Wegbereiter und Vorläufer, welche Werke Schlüsselfilme der queeren Bewegung? Welche ästhetischen und narrativen Formen eines lesbischen, schwulen, bi- oder transsexuellen Filmschaffens kennt die Kinogeschichte? Und schließlich: Welche historischen Phasen der Filmgeschichte zeigten sich aus welchen Gründen offen für queere Diskurse?

Herausgekommen ist schließlich eine 18-teilige Filmreihe, die einen internationalen, vielstimmigen Streifzug durch die Geschichte des Queer Cinema unternimmt: Neben frühen Filmen, die erst Jahrzehnte nach ihrer Erstaufführung öffentlich als schwule oder lesbische Werke diskutiert wurden, mit Beispielen für die spielerische Aneignung traditioneller Genres sowie für die vielperspektivischen Abbildungen gesamtgesellschaftlicher Relevanz, versammelt die Retrospektive vor allem die Arbeiten eines selbstbewussten queeren Filmschaffens, das vorherrschende ästhetische Formen in Frage gestellt und die Entwicklungen homosexueller Selbstermächtigung und Emanzipation maßgeblich befördert hat.

Und ganz nebenbei könnte Out oft the Past. Queere Filmgeschichte_n – über die Summe vieler spannender Filme hinaus – die Idee einer von Individualität und Vielfalt charakterisierten Gesellschaft vermitteln.

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Die Termine im Überblick:

Beginn jeweils um 19:30 Uhr | Eintritt: 5€

Di 17. Mai – LWL-Museum für Kunst und Kultur
ANDERS ALS DIE ANDERN (Deutschland 1919)
Christine Rüffert: „Anders als die Andern“ – Zensierte Sichtbarkeit am Anfang der Filmgeschichte

Mo 23. Mai – Cinema
MÄDCHEN IN UNIFORM (Deutschland 1931)
Ingeborg Boxhammer: „Sie knutscht jede ab – wunderbar!“ – Von lesbischer „Schwärmerei“ und verbotener Liebe in „Mädchen in Uniform“

Mo 30. Mai – Cinema
BEN HUR (USA 1959)
Daniel Kulle: Queer durch die Hollywood-Zensur

Mo 6. Juni – Cinema
JACK SMITH / FIREWORKS / MANO DESTRA (BRD 1974 / USA 1947 / Schweiz 1985)
Birgit Hein und Cléo Uebelmann: Underground

Mo 13. Juni – Cinema
WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN
(engl.OmU, USA 1999)
Katrin Horn: Happy Endings, Happy Lesbians? Romantische Komödien zwischen Konvention und Kritik

Do 23. Juni – LWL-Museum für Kunst und Kultur
LOOKING FOR LANGSTON (engl.OF, Großbritannien 1989)
TONGUES UNTIED
(engl.OF, USA 1989)
Simon Dickel: Black Gay Cinema

Mo 27. Juni – Cinema
TANGERINE (USA 2015)
Florian Krauß: „Tangerine“ und Transgender- Repräsentationen in Film und Fernsehen

Do 30. Juni – LWL-Museum für Kunst und Kultur
SONG FROM AN ANGEL (engl.OF, USA 1988)
BUDDIES (engl.OmU, USA 1985)
Joachim Post: Aids im Film

Mo 4. Juli – Cinema
TAXI ZUM KLO (BRD 1980)
Axel Schock: Zwischen Normalität, Spießertum und Bewegung – Schwules Leben im deutschen Kino der 70er und 80er Jahre

Mo 11. Juli – Cinema
FREAK ORLANDO (BRD 1981)
Natalie Lettenewitsch: Queeres Welttheater. Reisen durch Raum, Zeit und Geschlecht mit Ulrike Ottingers „Freak Orlando“

Mo 18. Juli – Cinema
WHEN WE ARE TOGETHER WE CAN BE EVERYWHERE
Birgit Bosold und Marit Östberg: Queer Porn

Mo 25. Juli – Cinema
DER FREMDE AM SEE (franz.OmU, Frankreich 2013)
Aileen Pinkert: Coming Out war gestern – die neue Komplexität des New Wave Queer Cinema

Mo 1. August – Cinema
YOU I LOVE (russ.OmU)
GOLOLYOD (russ.OmeU, Russland 2003)
Ira Kormannshaus: Into the Future – mit oder ohne Repression: nicht-traditionelle Lebensweisen im russischen Film

Do 4. August – LWL-Museum für Kunst und Kultur
MORGAN
(engl.OmU, USA 2012)
HOLE (engl.OF, Kanada 2014)
Petra Anders: „What can I, you know, do in that department?“ – Zur Darstellung von Behinderung und Homosexualität am Beispiel von Michael Akers‘ Drama „Morgan“

Do 11. August – LWL-Museum für Kunst und Kultur
LOVE IS STRANGE (USA 2014)
Frank Brenner: Fast unsichtbar – Alte Schwule und Lesben im Film

Mo 22. August – Cinema
GO FISH (engl.OmU, USA 1994)
Skadi Loist: New Queer Cinema: queere Ästhetik, Community und Politik jenseits des Mainstreams

Mo 29. August – Cinema
BROKEBACK MOUNTAIN (engl.OmU, USA 2005)
Christian Schmitt: Schwule Cowboys?! Queeres Kino und der Mainstream

Do 1. Sept. – LWL-Museum für Kunst und Kultur
FOLKBILDNINGSTERROR (schwed.OmeU, Schweden 2014)
Natascha Frankenberg: Into queer Futures – Queerer Aktivismus und das utopische Potential eines Musicals

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Zur Ausstellung von:

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Reservierte Karten
Bitte 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn abholen,
vormittags und zur 15-Uhr-Vorstellung
15 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

Öffnungszeiten der Kinokasse
immer 15 Minuten vor der ersten Vorstellung

Montag und Dienstag ab ~17:00 Uhr
Mittwoch bis Samstag ab ~15:00 Uhr
Sonntag ab 10:45 Uhr

Telefonische Kartenvorbestellung
Telefon 0251.30300

Eintrittspreise
€ 8,00 / erm. € 6,50
Premierentag € 5,50
Kinderkino € 4,50

Feiertags keine Ermäßigung,
besondere Preise bei Sonderveranstaltungen

Der Flyer zum Download

Rückblick: In dieser Filmreihe lief bereits ...

Out of the Past - queere Filmgeschichte_n

Anders als die Andern

Di 17. Mai 2016 · 19:30 Uhr · im LWL-Museum für Kunst und Kultur
Einführungsvortrag von Christine Rüffert: »Anders als die Andern« – Zensierte Sichtbarkeit am Anfang der Filmgeschichte // Mit Live-Begleitung zu »Anders als die Andern« von Joachim Bärenz
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Der erfolgreiche und attraktive Geigenvirtuose Paul Körner lebt zurückgezogen in seiner geschmackvollen Wohnung. Er erwidert die Zuneigung seines Musikschülers Franz, aber die Romanze ist von einem Erpresser bedroht. Als Körner nicht länger zahlen will, erstattet er Anzeige und nimmt die Folgen auf sich. Erpresser und Erpresster kommen wg. Verletzung des § 175 vor Gericht, das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Der im (noch) zensurfreien Deutschland der Nachkriegszeit 1919 gedrehte Stummfilm ANDERS ALS DIE ANDERN ist eine der ersten filmischen Auseinandersetzungen mit Homosexualität. Regisseur Richard Oswald zog als Berater und Co-Autoren den renommierten Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld hinzu, der den Film nutzt, um ein flammendes Plädoyer für die Akzeptanz des von ihm so bezeichneten „Dritten Geschlechts“ und die Abschaffung des Paragraphen 175 zu halten. Von erstklassigen Schauspielern des Weimarer Kinos gespielt, inszeniert Oswald ein alltägliches Schicksal, um die mit der Strafverfolgung einhergehende Not sichtbar zu machen.

Deutschland 1919 · R: Richard Oswald · Db: Richard Oswald und Magnus Hirschfeld · K: Max Fassbender • Mit Conrad Veidt, Fritz Schulz, Reinhold Schünzel, Leo Connard, Anita Berber, Magnus Hirschfeld u.a. · ab 0 J. · stumm · 51‘

»Anders als die Andern« – Zensierte Sichtbarkeit am Anfang der Filmgeschichte

Der Einführungsvortrag von Christine Rüffert (Bremen) widmet sich der queeren Filmgeschichtsschreibung und beleuchtet beispielhaft die Entstehungs-, Zensur- und Restaurierungsgeschichte des Films.

Christine Rüffert ist Rätin in der Verwaltung des Senators für Kultur Bremen und seit 1988 abgeordnet für filmkulturelle Tätigkeiten, u.a. die Geschäftsführung des Kommunalkinos (1990 - 2007) und das Kuratieren von Experimentalfilmprogrammen (seit 1993). 1994 gründete sie das queerfilmfestival Bremen, an dessen Gestaltung sie seither mitwirkt. 1995 war sie Mitbegründerin und ist seither Mitorganisatorin des Internationalen Symposiums zum Film. Seit 2009 forscht sie an der Universität Bremen schwerpunktmäßig zu Filmavantgarde, Filmvermittlung, Film Curatorship und Queer Cinema.

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Live-Begleitung zu »Anders als die Andern«: Joachim Bärenz

Er ist Deutschlands dienstältester Stummfilmmusiker: Joachim Bärenz (geb. 1947) aus Essen begleitet seit über 40 Jahren Stummfilme am Klavier. An der Renaissance der Stummfilmmusik seit den 1970er Jahren ist er damit maßgeblich beteiligt. Joachim Bärenz absolvierte in Frankfurt am Main bei Klaus Billing ein Klavierstudium, schloss mit einem Konzertexamen ab, nahm Kurse bei Aloys Kontarsky, Hans Zender sowie beim französischen Komponisten Pierre Boulez und spezialisierte sich 1969 auf Tanzbegleitungen. Im selben Jahr begann er mit Musikbegleitungen für Stummfilme. Claudia Engelhardt, KINEMA KOMMUNAL

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Mädchen in Uniform

Mo 23. Mai 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Vortrag von Ingeborg Boxhammer: »Sie knutscht jede ab – wunderbar!« – Von lesbischer »Schwärmerei« und verbotener Liebe im Film »Mädchen in Uniform«
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„Ein ungewöhnlicher Film“, befand die Vossische Zeitung nach der Uraufführung von „Mädchen in Uniform“ im November 1931. Der Film, der nach einem Theaterstück von Christa Winsloe (1888-1944) entstand, sei ein „Film ganz ohne Männer“. Das Setting ist der Mikrokosmos eines strengen preußischen Mädcheninternats: Eine junge Schülerin, Manuela von Meinhardis, verliebt sich verbotenerweise in die einzige freundliche Lehrerin, Fräulein von Bernburg, und läuft Gefahr, daran zu zerbrechen.

Zwar benennen viele Kritiken die Auflehnung gegen eine starre gesellschaftliche Ordnung, aber die Darstellung lesbischen Begehrens wird selten bis gar nicht thematisiert. Stattdessen ist die Rede von kindlicher Liebe und Schwärmerei, von Sehnsucht nach Mutterliebe. Dabei zeigt sogar mindestens eine Mitschülerin deutlich bisexuelles Begehren, das sich einerseits auf die geliebte Lehrerin und andererseits auf einen Filmschauspieler richtet.

Deutschland 1931 · R: Leontine Sagan · Db: Christa Winsloe und F. D. Andam, nach dem Bühnenstück „Gestern und heute“ von Christa Winsloe · K: Reimar Kuntze, Franz Weihmayr • Mit Hertha Thiele, Dorothea Wieck, Ellen Schwanneke, Erika Mann , Emilia Unda, Marte Hein u.a. · ab 12 J. · 98‘

»Sie knutscht jede ab – wunderbar!« – Von lesbischer »Schwärmerei« und verbotener Liebe im Film »Mädchen in Uniform«

Der Vortrag von Ingeborg Boxhammer lenkt den Fokus auch auf scheinbar unbedeutende kleinere Szenen und beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Wie kam es zu der Verfilmung durch Leontine Sagan (1889-1974)? Wie wurde das Drama aufgenommen? Was macht es zur potenziellen lesbischen „Klassikerin“? Sind Geschichte und Inszenierung auch heute noch stimmig? Ist der Film, „in dem nur Frauen agieren“ (Lotte Eisner), lediglich zeitgenössisch etwas Besonderes gewesen?

Ingeborg Boxhammer M. A., geboren 1962 in Ostwestfalen, lebt in der Johanna-Elberskirchen-Stadt Bonn. Historikerin und Software-Trainerin, Ko-Administratorin des mehrsprachigen lesben(film)historischen Portals www.lesbengeschichte.org. Autorin u. a. von Das Begehren im Blick – Streifzüge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte (2007) und Marta Halusa und Margot Liu – Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen (2015) sowie Aufsätzen zu Lesbengeschichte; in Planung: Margarete Herz (1872-1947) und ihr feministisches Netzwerk (Arbeitstitel).

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Ben Hur

Mo 30. Mai 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Daniel Kulle: Queer durch die Hollywood-Zensur
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BEN HUR ist auf den ersten Blick die monumentale Geschichte zweier rivalisierender Männer, des römischen Statthalters Messala und des Israeliten Judah Ben Hur. Als Messala seinen ehemaligen Freund ungerechtfertigt in Verbannung schickt, sinnt Ben Hur auf Rache.

„Wir brauchen noch irgendetwas, was die Rivalität zwischen Messala und Ben Hur aufpeppt. So wie sie jetzt ist, ist sie noch zu fad.“ So ungefähr muss es der Drehbuchautor Gore Vidal seinem Regisseur William Wyler geklagt haben, als es an die Vorbereitung des Sandalenfilms BEN HUR ging. „Was wäre, wenn die beiden in ihrer Jugend ein Liebespaar waren und nun wieder aufeinandertreffen?“ „Das könnte klappen. Aber wir dürfen Charlton Heston davon nichts erzählen!“

Gesagt getan: Stephen Boyd, der den Messala spielte, wurde die Backgroundstory erzählt, Charlton Heston, der Ben Hur spielte, nicht. Und doch legen die beiden eine erotisch aufgeladene Performance hin, die man ihnen bis heute abkauft.

Das ist das klassische Hollywood: Von der selbstauferlegten Zensur war alles Anstößige oder Homosexuelle streng verboten. Und doch schafften es die Filmemacher immer wieder, das Verborgene offensichtlich zu machen, ohne es direkt auszusprechen. Schmachtende Blicke, Buddy-Buddy-Geschichten, Cross-Dressing oder Femme fatales: Hollywood wusste schon, wie man die Grenzen der Zensur ausreizen konnte. Man musste nur hinschauen.

USA 1959 · R: William Wyler · Db: Gore Vidal, Karl Tunberg, Christopher Fry, Maxwell Anderson, S. N. Behrman · K: Robert Surtees • Mit Charlton Heston, Haya Harareet, Stephen Boyd, Jack Hawkins, Martha Scott, Cathy O’Donnell u.a. · ab 16 J. · 222‘

Queer durch die Hollywood-Zensur

Daniel Kulle ist Filmwissenschaftler und Filmemacher in Hamburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört Queer Cinema, Digitale und Postdigitale Ästhetik und Experimentalfilm. Letzte Veröffentlichungen: Zur Ästhetik der filmischen Bewegung. Actionfilm als Tanz (2015); Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen. Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit in der westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre (2015); DIY-Cinema. Alternative Erfahrungsräume im Kino (2014). Ed Wood. Trash und Ironie (2012). Filme: Hi! ;-) (2014); NoFace (2015).

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Fireworks / Jack Smith / Mano Destra

Mo 6. Juni 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Birgit Hein und Cléo Uebelmann: Underground
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Einer der ersten Klassiker des homosexuellen Films ist FIREWORKS von Kenneth Anger 1947. Anger spielt einen jungen Homosexuellen, der träumt von einer Gruppe von Matrosen zusammengeschlagen zu werden. In einem grausamen Ritual wird er zu Tode gemartert. Ungewöhnlich sind die symbolischen Bilder, die er erfindet: an der Stelle seines aus der Brust gerissenen Herzens erscheint ein Messgerät, auf den Höhepunkt des Rituals schießt statt Samenerguss ein Feuerwerk aus dem Penis eines Matrosen, das Opfer trägt einen mit Flammen besetzten Christbaum auf dem Kopf. Der Film ist zugleich auch eines der ersten Meisterwerke der neuen Entwicklung des persönlichen Erzählfilms, die unabhängig von der strengen Zensur des Hollywood Films in den 40er Jahren an der Westküste beginnt und Anfang der 60er Jahre mit dem oft verbotenen Film „Flaming Creatures“ von Jack Smith als Underground Film internationale Berühmtheit erlangt. Mit seiner Verehrung der Schauspielerin Maria Montez und ihrer Filme gilt Jack Smith auch als Vertreter der Ästhetik des Camp.

Für das sehr seltene 10-minütige Portrait JACK SMITH von 1974 hat er den Text selbst geschrieben, das Kostüm und Requisiten ausgesucht und den Kölner Zoo als Drehort bestimmt.

Mit ihrem Film MANO DESTRA rührte Cleo Uebelmann 1986 an eines der stärksten noch bestehenden sexuellen Tabus: den Sado-Masochismus. Sie ist die schöne Domina. Mit ungeheurer Ruhe und Gelassenheit wacht sie über ihr Opfer, das sich ihr ausgeliefert hat. Dabei gewinnt jede Bewegung außerordentliche Bedeutung. eine Wendung des Kopfes, einige Handgriffe um die Seile zu ordnen, ein Blick in die Kamera und die minimalen Regungen der gebundenen Frau. Die Rollen von Domina und Opfer sind austauschbar. Beide Rollen gehören zu ihrer Sexualität

FIREWORKS · USA 1947 · R & Db: Kenneth Anger · K: Kenneth Anger, Chester Kessler · Mit Kenneth Anger, Gordon Gray, Bill Seltzer · ab 18 J. · 15‘
JACK SMITH · BRD 1974 · R: Birgit Hein · 15
MANO DESTRA · Schweiz 1986 · R & Db: Cleo Uebelmann · 53‘

Underground

Birgit Hein: 1966-1988 Experimentalfilme, Performances und Installationen mit Wilhelm Hein. Mitbegründerin von XSCREEN in Köln 1968. Eigene Filme seit 1991. Seit 1971 zahlreiche Veröffentlichungen zum Experimentalfilm u.a. Film im Underground (Berlin 1971) und Film als Film (Stuttgart 1977). Filme in internationalen Sammlungen u.a. im Musée d‘Art Moderne Paris (Centre Pompidou), Cinemathèque Royale de Belgique, Brüssel, Sprengel Museum Hannover. Von 1990 - 2008 Professorin für Film- und Video an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Mitglied der Akademie dier Künste Berlin und stellvertretende Direktorin der Sektion Bildende Kunst

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Weil ich ein Mädchen bin

Mo 13. Juni 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Katrin Horn: Happy Endings, Happy Lesbians? Romantische Komödien zwischen Konvention und Kritik
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Lange waren Lesben im US-amerikanischen Kino hauptsächlich eines: unglücklich. Das wiederum waren sie aus unterschiedlichsten Gründen: suizidal wegen ihrer ‚unnatürlichen Neigung,‘ obsessiv verliebt in eine unerreichbare Frau, mörderisch gewalttätig oder selbst ermordet. Mit „Desert Hearts“ (1985, R: Donna Deitch) hielt Mitte der 80er Jahre ein neues Stereotyp Einzug in die Kinowelt, die glückliche Lesbe. Das neue ‚Einheitsgefühl‘ hatte, anders als zuvor, einen einheitlichen Grund: alle waren frisch verliebt.

Zum einheitlichen Glücksgefühl bei Publikum und Kritik führte die bis in die frühen 2000er anhaltende Welle romantischer Komödien nicht. Zu nah an den Konventionen des Hollywoodgenres seien die Filme, zu nah an heteronormativen Ideen die dargestellten Beziehungen.

BUT I‘M A CHEERLEADER reiht sich ein in die „frisch verliebt“-Kategorie und verweigert doch die Anbiederung an Genre-Normen. Das zentrale Pärchen lernt sich nicht irgendwo kennen, sondern in einem Umerziehungs-Camp für LGBT-Teenies. Neben der romantischen Komödie mit konventioneller Formel von „meet the girl,“ „loose the girl“, „get the girl“ , wird der Film so auch dank stilistischer Überzeichnung zur Satire auf den Umgang mit Homosexualität und Geschlechternormen.

BUT I’M A CHEERLEADER · USA 1999 · R: Jamie Babbit · Db: Brian Wayne Peterson ·  K: Jules Labarthe • Mit Natasha Lyonne, Clea DuVall, Cathy Moriarty, RuPaul Charles, Bud Cort u.a. · ab 12 J. · engl.OmU · 90‘

Happy Endings, Happy Lesbians? Romantische Komödien zwischen Konvention und Kritik

Zur Einführung gibt Katrin Horn einen Überblick über die typischen Elemente lesbischer romantischer Komödien – von Setting über Soundtrack hin zu Stereotypen – und erläutert, wie diese ‚konventionellen‘ Elemente in Filmen auch genutzt werden, um diese humorvoll-kritisch sowohl vom Hollywoodkino als auch vom heterosexuellen Beziehungsglück abzuheben.

Dr. Katrin Horn ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Amerikanistik der Universität Würzburg, wo sie zu Kultur(geschichte) sowie Gender- und Medienwissenschaften lehrt und forscht. Die Entwicklung des lesbischen Kinos untersuchte sie als Teil ihrer Dissertation, in der sie den Einsatz von ästhetischem Exzess und Insider-Humor als queere Strategien in zeitgenössischer Populärkultur nachzeichnet. Ihre Veröffentlichungen beschäftigen sich unter anderem mit Sitcoms, Country Music und Lady Gaga.

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Looking for Langston + Tongues Untied

Do 23. Juni 2016 · 19:30 Uhr · LWL-Museum für Kunst und Kultur
Simon Dickel: Black Queer Cinema
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Im Jahr 1989 erscheinen zwei Filme schwarzer schwuler Filmemacher, die bis heute zentrale Bezugspunkte für die künstlerische, aktivistische und akademische Auseinandersetzung mit den Differenzlinien Race und Sexualität sind, TONGUES UNTIED und LOOKING FOR LANGSTON.

TONGUES UNTIED ist ein experimenteller autobiografischer Film des afroamerikanischen Filmemachers und Autors Marlon Riggs. Im Film äußert er Kritik am Rassismus innerhalb der schwulen Subkultur und thematisiert Homonegativität in der schwarzen Community. Zusammen mit den Performances des Dichters Essex Hemphill und anderer zeitgenössischer Aktivisten und Künstler lässt sich der Film sowohl als autobiografische Reflexion, als auch als politisches Manifest verstehen, das mit dem kontroversen Slogan „Black Men Loving Black Men is the Revolutionary Act“ endet.

Der afrobritische Filmemacher und Künstler Isaac Julien bezeichnet LOOKING FOR LANGSTON als Meditation über den afroamerikanischen Dichter Langston Hughes (1902-1967) und die Harlem Renaissance, die erste afroamerikanische literarisch-künstlerische Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Juliens experimentelle Montage von Archivaufnahmen und neu inszenierten schwarz-weiß Bildern erschafft einen queeren afrodiasporischen Möglichkeitsraum, in dem Vergangenheit und Gegenwart, die USA und England sowie Fiktion und Faktizität eins werden.

Die prekäre Situation schwarzer schwuler Männer angesichts der akuten Bedrohung durch HIV/Aids ist in beiden Filmen auf verschiedene Weisen spürbar.

LOOKING FOR LANGSTON · Großbritannien 1989 · R & Db: Isaac Julien · K: Nina Kellgren • Mit Ben Ellison, Matthew Baidoo, Akim Mogaji, John Wilson, Dencil Williams u.a. · engl.OF · 42'
TONGUES UNTIED · USA 1989 · R & Schnitt: Marlon Riggs · engl.OF · 55'

Black Queer Cinema

Simon Dickel ist Autor des Buchs Black/Gay: The Harlem Renaissance, the Protest Era, and Constructions of Black Gay Identity in the 1980s and 90s (2011). Nach der Mitherausgabe eines Buchs über filmische, literarische und politische Verarbeitungen von Hurrikan Katrina im vergangenen Jahr arbeitet er derzeit als Mitherausgeber an dem ersten deutschsprachigen Sammelband über queeres Kino und queere Filmwissenschaft. Simon Dickel ist Juniorprofessor am Englischen Seminar der Ruhr-Universität Bochum.

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Tangerine

Mo 27. Juni 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Florian Krauß: „Tangerine“ und Transgender- Repräsentationen in Film und Fernsehen
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Unter den Exponaten der Homosexualität_en-Ausstellung findet sich das „Transgender Tipping Point“-Cover des Time Magazines mit der Transaktivistin und -Schauspielerin Laverne Cox. Transgender oder zumindest Transfrauen scheinen zunehmend präsent, auch dank Fernsehserien wie „Orange is the New Black“: Hier mimt Cox eine Trans-Gefängnisinsassin. Im Kino sind es meist noch prominente Cisgender (Menschen, die sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren), die Transgender spielen.

Eine rare Ausnahme ist mit zwei Trans-Hauptfiguren und -Darstellerinnen TANGERINE: Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) stürmt los, als sie von Alexandra (Mya Taylor) erfährt, dass ihr Freund und Zuhälter sie mit einer Cis-Frau betrügt. Musik, Kamera und Schnitt greifen die Geschwindigkeit auf, in der Sin-Dee redet und durch das periphere Los Angeles hetzt. Durch jenes Setting und die Besetzung, aber auch durch den Dreh mit Smartphones positioniert sich TANGERINE jenseits von Hollywood. Mit den tragischen Opfer- und Psychopathen-Rollen, die der US-Film-Mainstream Trans-Menschen in seinen spärlichen Repräsentationen gern zuwies, haben Alexandra und Sin-Dee wenig gemein, wenngleich ihr Leben als Sexarbeiterin prekär ist und letztere Züge eines queer villains trägt: „She’s back and she’s going hard“, fasst Alexandra den Rachefeldzug ihrer Freundin zusammen, der mit den weiteren Handlungssträngen in einem komödiantischen Showdown kulminieren wird.

Dieser aktuelle Beitrag zum „Transgender Tipping Point“ ist stets auf Seite seiner beiden Trans-Heldinnen und macht doch vor allem eines: Spaß.

USA 2015 · R: Sean Baker · Db: Sean Baker, Chris Bergoch · K: Sean S. Baker, Radium Cheung • Mit Kitana Kiki Rodriguez, Mya Taylor, Karren Karagulian, Mickey O‘Hagan, James Ransone u.a. · 88‘

»Tangerine« und Transgender-Repräsentationen in Film und Fernsehen

Florian Krauß unterrichtet seit 2013 Medienwissenschaft an der Universität Siegen. 2009 bis 2013 war er akademischer Mitarbeiter an der Filmuniversität Babelsberg. 2011 promovierte er mit der Arbeit Bollyworld Neukölln: MigrantInnen und Hindi-Filme in Deutschland. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte umfassen außerdem Queer Cinema und Queere Serien, Spielfilm- und Seriendramaturgie, Fernsehserien aus Deutschland sowie Mediennutzung von Migrant_innen. Im aktuell erscheinenden ersten deutschen Sammelband zu Queer Cinema schreibt Florian Krauß über Transgender-Repräsentation in der Webserie Transparent.

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Song from an Angel + Buddies

Do 30. Juni 2016 · 19:30 Uhr · LWL-Museum für Kunst und Kultur
Joachim Post: Aids im Film
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Alles war noch befremdlich und beängstigend neu, als Mitte der Achtziger die ersten Spielfilme das Thema Aids thematisierten. Die Filme bis etwa 1990 wurden alle in den USA gedreht und spielten zuerst ausschließlich in schwulen Beziehungen. Den Anfang machte im Frühjahr 1985 der Independentfilm BUDDIES bevor im November 1985 das TV-Drama „Früher Frost – Ein Fall von Aids“ ein Millionenpublikum erreichte. In den frühen Filmen ging es einerseits um die Darstellung der damaligen Fakten, aber auch um das Erzählen persönlicher Geschichten. Einige Regisseure wie Arthur J. Bressan Jr. (BUDDIES), Bill Sherwood („Abschiedsblicke“) oder Cyril Collard („Wilde Nächte“) waren persönlich betroffen und starben wenige Jahre später an den Folgen der Krankheit.

Als Arthur J. Bressan Jr. BUDDIES drehte, war diese mysteriöse Krankheit keine drei Jahre zuvor erst aufgetaucht und hatte sich auch in San Francisco binnen kürzester Zeit wie ein Feuer ausgebreitet. Hauptperson des Films ist David, der sich als „Buddy“, als freiwilliger Pflegehelfer, beim Schwulenzentrum gemeldet hat und sich nun um einen der Erkrankten kümmert. Robert kompensiert seine Todesangst mit Zynismus, und erst allmählich gelingt es den beiden, Vertrauen zueinander aufzubauen. Die Freundschaft währt nicht lange, doch David reift durch diese Erfahrung zu einem selbstbewussten und kämpferischen schwulen Mann. Bressan Jr. inszeniert dies alles sehr sensibel, nüchtern und vor allem frei von Melodramatik als berührendes Kammerspiel.

Als Vorfilm zeigen wir SONG FROM AN ANGEL: Der letzte Auftritt des Schauspielers und Sängers Rodney Price in San Francisco. Dieser singt und steppt den Titel: „I‘ve Got Less Time Than You.“ Zwei Wochen später starb er an den Folgen von Aids.

SONG FROM AN ANGEL · USA 1988 · R: David Weissman · engl.OF · 6‘
BUDDIES · USA 1985 · R: Arthur Bressan jr. · Db: Arthur J. Bressan Jr. · K: Carl Teitelbaum • Mit Geoff Edholm, David Schachter, Billy Lux u.a. · ab 12 J. · engl.OmU · 85‘

Aids im Film

Joachim Post ist seit 1997 im Organisationsteam der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg – International Queer Film Festival, die vom 18.10. - 23.10.2016 bereits zum 27. mal in Hamburg, stattfinden und u. a. für die Programmauswahl mitverantwortlich. Außerdem ist er u. a. freier Radiojournalist für Tide 96.0 und Redakteur für das monatliche Filmmagazin „Filmriss“. Er war Teil der Jury für den Teddy Award der Berlinale sowie der queeren Filmfestivals in Wien (Identities), Prag (Mezipatra) und San Francisco.

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Taxi zum Klo

Mo 4. Juli 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Axel Schock: Zwischen Normalität, Spießertum und Bewegung – Schwules Leben im deutschen Kino der 70er und 80er Jahre
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Der gesellschaftliche wie künstlerische Umbruch Ende der 60er Jahre hatte auch nachhaltige Folgen für das schwule Kino. Zum ersten Mal gab es auf der Leinwand Dinge zu sehen, von denen die meisten Heterosexuellen nicht einmal ahnten und selbst so manch schwule Zuschauer rote Ohren bekamen: unmissverständliche Szenen auf Klappen, beim Cruising im Park und aufgetakelte Kerle beim Tuntenball. Doch auch andere Aspekte der schwulen Lebenswirklichkeit, wie die Sehnsucht nach einem bürgerlichen Glück zu zweit oder die Kriminalisierung schwuler Sexualität durch den Paragrafen 175, wurden in Spielfilmen zum Thema.

Rosa von Praunheims filmischer Kampfaufruf „Nicht der Homosexuelle ist pervers“ (1981) wurde zur Initialzündung für die bundesrepublikanische Schwulenbewegung. Auch Wolfgang Petersens „Die Konsequenz“ (1977) sorgte für einen handfesten Skandal und für erhitzte Debatten.

Dem in Rheine geborenen und verstorbenen Frank Ripploh wiederum gelang mit seinem Debüt „Taxi zum Klo“ (1980) ein überraschender Publikums- und Kritikererfolg, der sogar in New York für lange Schlangen an der Kinokasse sorgte. In seiner autobiografisch gefärbten Komödie über ein Westberliner schwules Paar lässt Ripploh – Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion – die unterschiedlichen Lebensmodelle aufeinanderprallen und weiß das humoristische Potential bestens zu nutzen. Die expliziten Sexszenen sind dabei derart unverkrampft und selbstbewusst inszeniert, dass selbst sonst eher konservative Medien nur mit Begeisterung auf diese Form der ironischen Selbstbespiegelung reagieren konnten.

Deutschland 1980 · R & Db: Frank Ripploh · K: Horst Schier • Mit Frank Ripploh, Tabea Blumenschein, Magdalena Montezuma, Thomas Born, Jürgen Thormann u.a. · ab 16 J. · 91‘

Zwischen Normalität, Spießertum und Bewegung – Schwules Leben im deutschen Kino der 70er und 80er Jahre

Axel Schock, Journalist, Herausgeber und Autor, lebt und arbeitet seit nunmehr drei Jahrzehnten in Berlin und publizierte insbesondere zu queerer Kultur und LGBT-Themen. Buchveröffentlichungen u.a. Out im Kino – Das lesbisch-schwule Filmlexikon (mit Manuela Kay, Querverlag), Die Bibliothek von Sodom – Das Buch der schwulen Bücher (Eichborn Verlag) und Schwule Orte – 150 berühmt-berüchtigte Schauplätze (Querverlag). Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs Mein schwules Auge (konkursbuch Verlag) und seit 2015 für die Gesamtorganisation des Internationalen Poesiefestival Berlin verantwortlich.

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Out of the Past - queere Filmgeschichte_n

Freak Orlando

Mo 11. Juli 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Natalie Lettenewitsch: Queeres Welttheater. Reisen durch Raum, Zeit und Geschlecht mit Ulrike Ottin- gers „Freak Orlando“
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Das Werk von Ulrike Ottinger ist bis heute eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Kino. Ihre in den 1970er und 1980er Jahren entstandenen Spielfilme waren damals schon „queer“ im besten Sinne: nicht nur in ihrer Motivik, sondern auch in ihrem unbändigen Formenreichtum über Gattungsgrenzen und Erzählkonventionen hinweg. In FREAK ORLANDO, ihrem selten zu sehenden „Kleinen Welttheater in fünf Episoden“, schlägt sie einen großen assoziativen Bogen von Antike und Mittelalter über die Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert. Metamorphosen und Transformationen sind hier das bestimmende Prinzip, aber auch Kontinuitäten. Orlando/Orlanda, inspiriert von Virginia Woolfs Romanfigur und verkörpert von Magdalena Montezuma, ist ein Wanderer durch Raum und Zeit, der die Begrenzungen von Geschichte und Geschlecht überwindet.

Nicht nur Aufbruch und Selbstbefreiung bringt diese Reise mit sich, auch Leid und Verfolgung. Ein Stationendrama der Außenseiter und geächteten Minderheiten, in dem sich Wunderglaube und Inquisition, Zirkus und Psychiatrie, Wunsch- und Alptraum überlagern. Seine üppigen Arrangements in bizarren Stadt- und Industrielandschaften bergen Irritation und Abgründigkeit, stets aber auch Komik. Ob Eddie Constantine als stürzender Säulenheiliger mit Neon-Herz, die heilige Bartfrau Wilgeforte am Kreuz oder der narzisstische Hermaphrodit über seinem Spiegelbild inmitten einer Kohlegrube: Die ebenso verspielten wie auratischen Bilder von FREAK ORLANDO bleiben eingeschrieben in die Filmgeschichte und in die Köpfe derer, die ihn sehen.

Deutschland 1981 · R & Db: Ulrike Ottinger · K: Ulrike Ottinger • Mit Magdalena Montezuma, Delphine Seyrig, Galli Müller, Eddie Constantine, Else Nabu u.a. · 126‘

Queeres Welttheater: Reisen durch Raum, Zeit und Geschlecht mit Ulrike Ottingers »Freak Orlando«

Natalie Lettenewitsch, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften der Universität Paderborn. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in München und Bochum. Kommunale Filmarbeit im Konstanzer Kino „Zebra”, freie Tätigkeiten für verschiedene Filmfestivals, für die Filmredaktion 3sat, am Deutschen Filmmuseum Frankfurt a.M. und bei Ulrike Ottinger Filmproduktion. Texte für die Filmzeitschrift „Schnitt“ und andere Publikationen. Zuletzt erschienen ist der mit Anke Zechner und Christian Hüls herausgegebene Band Die Körper des Kinos. Für eine fröhliche Filmwissenschaft.

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When We Are Together We Can Be Everywhere

Mo 18. Juli 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Regisseurin Marit Östberg ist anwesend! Birgit Bosold kann leider nicht kommen.
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Der Film WHEN WE ARE TOGETHER WE CAN BE EVERYWHERE ist alles in einem: Dokumentarfilm und Komödie, Porno und Experimentalstreifen, Making-of und Erzählkino, nachdenklich und witzig, sexy und romantisch, visuell genußvoll und auch für Ohrenmenschen ein Vergnügen. Gedreht an einigen Sommertagen in Berlin ist das kollaborative no-budget-Projekt eine hinreißende Hommage an die queere Expat-Community im Berlin der Gegenwart und eine wundervolle Liebeserklärung an die Freund_innen und vor allem Liz Rosenfeld, selber Regisseurin und großartige Hauptdarstellerin des Films.

Birgit Bosold und Marit Östberg werden Anschluss darüber sprechen, warum Sexualität immer noch für privat gehalten wird, weswegen der sexpositive Feminismus so umstritten war und ist und ob und wie „queer porn“ eine kreative politische Intervention in das Feld der „sexual politics“ sein kann.

Marit Östberg ist Filmemacherin und Medienkünstlerin. Geboren und aufgewachsen in Schweden, lebt sie heute in Berlin und ist Teil der queer feministischen Porn-Szene. Ihre Arbeiten wurden auf vielen internationalen Filmfestivals gezeigt. Marit versteht Porn als kreativen Weg politisch zu agieren: „Wenn Frauen, Trans* und Queers ihre Sexualität in ihre eigenen Hände nehmen, ist es vorbei mit dem Patriarchat.“

Deutschland 2015 · R & Db: Marit Östberg • Mit Liz Rosenfeld, Imogen Heath, Paulita Pappel, Mad Kate, Sadie Lune, KAy Garnellen, GG u.a. · 68‘

Queer Porn

Birgit Bosold ist als Mitglied des Vorstands des Schwulen Museums* Projektleiterin und (Mit-) Kuratorin der Ausstellung „Homosexualität_en“.

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Der Fremde am See

Mo 25. Juli 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Aileen Pinkert: Coming Out war gestern – die neue Komplexität des New Wave Queer Cinema
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Keiner outet sich, niemand stirbt an Aids, sexuelle Tabus gibt‘s nicht mehr: Mit den Gewohnheiten des schwulen Kinos vergangener Jahrzehnte bricht in jüngster Zeit das sogenannte New Wave Queer Cinema. Fast beiläufig erzählen die Vorreiter dieser durch einen Journalisten ausgerufenen neuen Filmbewegung Andrew Haigh und Ira Sachs in ihren Filmen vom Alltagsleben ihrer Protagonisten – das aus einer kompromisslosen schwulen Perspektive. Diese Filme nehmen sich Zeit bei der Suche nach einer möglichst realistischen Darstellung gegenwärtigen schwulen Lebens in Ländern, in denen Homosexuelle gesetzlich nahezu gleichgestellt sind. Statt die Gesellschaft zu hinterfragen, begrenzt sich der Blick nun auf den eigenen Mikrokosmos: kritisch reflektiert wird die schwule Subkultur, der die Protagonisten selbst angehören. Filmisch äußert sich das v.a. im Gebrauch der Handkamera, die die Figuren in langen Einstellungen begleitet.

Alain Guiraudies mehrfach ausgezeichneter Erotikthriller DER FREMDE AM SEE thematisiert anonyme Ficks im Hochsommer: Jeden Tag besucht Franck den See, um zu plaudern, zu schwimmen, und um Sex zu haben. Als er beobachtet, wie ein attraktiver Mann einen anderen tötet, fühlt er sich diesem nur noch mehr hingezogen. Mit dem Verzicht auf Filmmusik und der Konzentration auf Naturgeräusche und das Stöhnen der Männer in den Büschen erzeugt DER FREMDE AM SEE eine auch für die Zuschauer_innen intensive Begegnung zwischen Angst und Leidenschaft, die einem Hitchcock-Klassiker entlehnt sein könnte.

L‘INCONNU DU LAC · Frankreich 2012 · R & Db: Alain Guiraudie · K: Claire Mathon • Mit Pierre de Ladonchamps, Christophe Paou, Patrick d‘Assumçao, Jérôme Chappatte, Mathieu Vervisch u.a. · ab 16 J. · 100‘

Coming Out war gestern – die neue Komplexität des New Wave Queer Cinema

Aileen Pinkert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien und Kommunikation der Universität Hamburg, sie lehrt und forscht v.a. im Bereich Film- und Fernsehwissenschaft. Sie hat in Weimar und Utrecht Medienkultur studiert, im Anschluss war sie tätig als Redakteurin eines Fachverlags und als Produktionsleiterin bei einer Film- und Fernsehproduktionsfirma. Bei den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg ist Aileen Pinkert zuständig u.a. für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Für die SISSY, das Magazin für den nicht-heterosexuellen Film, hat sie mehrfach Filmkritiken verfasst.

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You I Love + Gololyod

Mo 1. August 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Ira Kormannshaus: Into the Future – mit oder ohne Repression: nicht-traditionelle Lebensweisen im russischen Film
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Die Mechanismen der Ablehnung der ein oder anderen Lebens- oder Verhaltensweise gleicht sich in allen Gesellschaften – sie wird als fremd oder gar krank abgetan und auf den bösen Einfluss als feindlich betrachteter Gesellschaften zurückgeführt und so ihre Verderbtheit noch unterstrichen.

Nicht anders erging es Lesben und Schwulen in der Sovietunion – erstere verschwanden bevorzugt in psychiatrischen Krankenhäusern, letztere in Straflagern. Gab es in den frühen 90ern eine ansatzweise Aufarbeitung der Geschichte Schwuler im Straflager durch die aufkeimende Bewegung, ehe die Offenheit zu Chaos und Gesetzlosigkeit mutierte; so galt gar der Versuch einer Aufarbeitung lesbischer Schicksale in Nervenkliniken von vornherein als unsinnig. Sie seien dort so mit Medikamenten vollgepumpt worden, dass sie ihr Lesbischsein sicher nicht mehr, mit Glück noch ihren Namen erinnerten.

Das zarte Pflänzchen Bewegung wurde Mitte der 90er von der Notwendigkeit des Überlebens im neuen Turbokapitalismus hinweggefegt. Von dem ein oder anderen wurde getuschelt, er sei schwul – man schien sich langsam an die Existenz männlicher Homosexualität zu gewöhnen. Verbreitet neben Verheiratung und Doppelleben auch geschlechtsverändernde OPs und die abfällige Bezeichnung 'Pidor' (von Päderast).

Spätestens mit Putins Machtantritt hatte die Gesellschaft sich anderen Themen zugewandt. Die Haltung zu Lesben und Schwulen blieb ambivalent. Gelang es in Moskau bis heute nicht, eine Gay Parade durchzusetzen, entstand 2008 in Petersburg das Bok-o-bok lgbt-Filmfestival, und 2009 das QueerFest. Beide wurden immer wieder Ziel von Hasstiraden des Abgeordneten Milonov wie auch von Versuchen, die Veranstaltung mit administrativen Mitteln zu unterbinden.

Seit 2010 werden kulturpolitisch Daumenschrauben angezogen, Patriotismus gefeiert und Empfänger von Zuschüssen als „ausländische Agenten“ gebrandmarkt.

Aus diesem Spannungsfeld kommen zwei 2003 gedrehte Filme, die das Thema sehr unterschiedlich angehen: YOU I LOVE ist eine Hetero-Homo-Dreierbeziehung auf Russisch, eine witzig inszenierte Story über verrücktes Liebesleben in Moskau. Regisseur Mikhail Brashinskiy gewann für GOLOLYOD in Seattle den New Director‘s Showcase Award mit der Begründung: „Ein bemerkenswertes Regiedebüt, das die traditionelle Erzählstruktur zugunsten der provokanten Ästhetik und einfallsreicher Geschichten verlässt.“

YOU I LOVE / JA LJUBLJU TEBJA · Russland 2003 · R & Db: Olga Stolpovskaja, Dmitriy Troitskiy · K: Aleksandr Simonow • Mit Damir Badmaev, Lyubov Tolkalina, Evgeniy Koryakovskiy, Nina Agapova, Aleksandr Dulerayn u.a. · ab 12 J. · russ.OmU · 83‘
GOLOLYOD · Russland 2003 · R & D: Mikhail Brashinskiy, Konstantin Murzenko · K: Aleksey Fyodorow • Mit Viktoriya Tolstoganova, Ilya Shakunov u.a. · russ.OmeU · 70‘

Into the Future – mit oder ohne Repression: nicht-traditionelle Lebensweisen im russischen Film

Ira Kormannshaus – Kuratorin, Übersetzerin, Journalistin. Aus Düsseldorf, gelebt in New York und Petersburg, wesentlich in Berlin. Studierte Sozialwissenschaften, Sozialpädagogik, Soziologie, Russisch und Filmwissenschaften in Duisburg, Düsseldorf und Berlin. Arbeit mit Filmfestivals in Köln, Oberhausen, Petersburg, Minsk, Philadelphia, Selb, Berlin, Wiesbaden etc. als Kuratorin, Organisatorin und Übersetzerin seit 27 Jahren, Expertin für russischen Dokumentarfilm, repräsentiert German Documentaries in Osteuropa. Mitglied der russischen Gilde des Nicht-Spielfilms und der deutschen AG DOK.

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Morgan + Hole

Do 4. August 2016 · 19:30 Uhr · LWL-Museum für Kunst und Kultur
Petra Anders: „What can I, you know, do in that department?“ – Zur Darstellung von Behinderung und Homosexualität am Beispiel von Michael Akers‘ Drama „Morgan“
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Wie steht es um die Sexualität behinderter Figuren in Spielfilmen? Haben diese Figuren ein Sexualleben? Dürfen sie ihre sexuelle Identität entwickeln? Können sie sie ausleben?

Im Vortrag „'What can I, you know, do in that department?' – Zur Darstellung von Behinderung und Homosexualita?t am Beispiel von Michael Akers' Drama MORGAN“ soll zunächst ein kurzer Abriss zur (Nicht)Darstellung von Behinderung und Sexualität im Spielfilm sowohl im heteronormativen als auch im querren Kontext erfolgen. Anschließend werden die Zuschauerinnen und Zuschauer auf ausgewählte Aspekte der Darstellung des (Liebes)Lebens der queeren, behinderten Hauptfigur Morgan in Michael Akers' gleichnamigem Drama aus dem Jahre 2012 aufmerksam gemacht, die aus der Sicht der Disability Studies wichtig sind.

Auch Martin Edralins Kurzfilm HOLE, der als Vorfilm läuft, thematisiert die oben aufgeworfenen Fragen. Beide Filme zusammen geben einen Eindruck davon, wie komplex das Thema Behinderung und Sexualität/sexuelle Identität ist und können so auch als eindringliche Plädoyers für mehr Spielfilme zum Thema gesehen werden.

HOLE · Kanada 2014 · R & Db: Martin Edralin • Mit Sebastian Deery, Ken Harrower, April Lee · engl.OF · 15'
MORGAN · USA 2012 · R: Michael D. Akers · Db: Michael D. Akers, Sandon Berg · K: Chris Brown • Mit Leo Minaya, Jack Kesy, Ben Budd, Theodore Bouloukos, Darra Boyd, Madalyn McKay u.a. · engl.OmU · 89'

»What can I, you know, do in that department?« – Zur Darstellung von Behinderung und Homosexualität am Beispiel von Michael Akers' »Morgan«

Dr. phil. Petra Anders hat an der Leuphana Universität Lüneburg promoviert. Ihre Dissertation mit dem Titel Behinderung und psychische Krankheit im zeitgenössischen deutschen Spielfilm. Eine vergleichende Filmanalyse. ist Ende 2014 bei Königshausen & Neumann erschienen. Sie hält Vorträge und schreibt Texte zu unterschiedlichen Aspekten des Themenkomplexes Behinderung im Film und kombiniert dabei und bei ihrem Lehrauftrag gerne Disabilty Studies und Filmwissenschaften.

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Love Is Strange

Do 11. August 2016 · 19:30 Uhr · LWL-Museum für Kunst und Kultur
Frank Brenner: Fast unsichtbar – Alte Schwule und Lesben im Film
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Film ist ein Medium für junge Menschen, jahrzehntelang waren die unter 30jährigen die wichtigste Zielgruppe der Kinobetreiber. Das spiegelte sich auch im Alter der Filmprotagonisten wider, ältere Menschen waren lediglich für Nebenrollen gut genug. Da unter Homosexuellen der Jugendwahn besonders ausgeprägt ist, schlägt diese Regel bei Filmen über Schwule und Lesben noch deutlicher zu Buche. Mit wenigen Ausnahmen stehen bei queeren Filmen junge Menschen im Mittelpunkt, die ihr Coming Out erleben oder sich zum ersten Mal verlieben.

Ältere Schwule sind die lustige oder tragische Nebenfigur, wenn nicht von (unerfülltem) Begehren wie in „Gewalt und Leidenschaft“ oder „Tod in Venedig“ erzählt wird. Zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel gehörten in der Vergangenheit Adaptionen erfolgreicher Theaterstücke wie „Unter der Treppe“ (1969, nach Charles Dyer) oder „Ein Käfig voller Narren“ (1978, nach Jean Poiret).

In jüngerer Zeit haben es Autorenfilmer wie Thom Fitzgerald („Cloudburst“, 2011) oder Ira Sachs (LOVE IS STRANGE, 2014) gewagt, in die Jahre gekommene lesbische und schwule Figuren zu ihren Protagonisten zu machen. Ihre HeldInnen haben mit Problemen zu kämpfen, die sich erst nach Jahrzehnten des Zusammenlebens ergeben. In beiden Filmen wird auch die gleichgeschlechtliche Ehe zum Thema, in „Cloudburst“ soll sie rechtliche Absicherung bringen, bei Ira Sachs‘ LOVE IS STRANGE wird sie zum Auslöser der Probleme, weil das Paar daraufhin Job und Wohnung verliert und getrennt voneinander bei Freunden unterkommen muss.

LOVE IS STRANGE · USA/Frankreich 2014 · R: Ira Sachs · Db: Ira Sachs, Mauricio Zacharias · K: Christos Voudouris • Mit John Lithgow, Alfred Molina, Marisa Tomei u.a. · ab 12 J. · 94‘

Fast unsichtbar: Alte Schwule und Lesben im Film

Frank Brenner studierte Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Seit seinem Magisterabschluss im Jahr 2003 arbeitet er freiberuflich als Filmjournalist für diverse Stadtmagazine und Entertainment-Websites, schreibt Texte für Festivalkataloge und DVD-Booklets. Dem queeren Film gilt dabei seit Jahren sein Hauptaugenmerk. Von 2004 bis 2011 war er leitender Filmredakteur des schwul-lesbischen Münchner Stadtmagazins „LEO“ (ehemals „sergej“) und seit April 2013 ist er für das queere NRW-Metropolenmagazin „FRESH“ in gleicher Position tätig.

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Go Fish

Mo 22. August 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Skadi Loist: New Queer Cinema: queere Ästhetik, Community und Politik jenseits des Mainstreams
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Nachdem die moralische Zensur in Hollywood mit dem Ende das Hays Codes Ende der 1960er Jahre zu Ende ging, durften Schwule und Lesben vom Underground Cinema sachte in die Mainstreamfilmrepräsentation vordringen. Zunächst mit einigen aufklärerischen Filmen, dann mit einer kleinen „Gay New Wave“ des Independentkinos (mit „My Beautiful Laundrette“ oder „Desert Hearts“) Mitte der 1980er. Zunächst geht es jedoch um positive Repräsentationen. Ende der 1980er Jahre fallen dann der Höhepunkt der Aids-Krise und die zunehmende Politisierung der radikalen Queer-Bewegung mit einer Welle der Avantgarde-Ästhetik im Arthousekino zusammen. Filme wie Jennie Livingstons „Paris Is Burning“ (1989), Isaac Juliens „Looking for Langston“ (1989) oder Gregg Arakis „The Living End“ (1992) erregten Aufsehen auf dem internationalen Filmfestival-Circuit und im Arthousekino. Filmkritikerin B. Ruby Rich brachte diese Filme unter dem Label „New Queer Cinema“ zusammen, um ihre gemeinsamen Qualitäten zu unterstreichen: sie waren stark von queerer Politik beeinflusst, behandelten mit einer Selbstverständlichkeit queere Charaktere, die nicht für ein heterosexuelles Mainstreampublikum über ein Coming Out erklärt wurden und gleichzeitig narrativ und ästhetisch neue Wege gingen.

Nachdem die ersten Filme des NQC hauptsächlich von männlichen Regisseuren gemacht waren, die vor allem männliche Protogonisten behandelten, schaffte Rose Troches Debutfilm GO FISH 1994 den Durchbruch für die Frauen und Lesben vor und hinter der Kamera. Für ein Minibudget unabhängig produziert, spielte diese Romantic Comedy in schwarz/weiß, die sich um eine Gruppe Chicagoer Dykes dreht, in den Kinos über 2,4 Mio. Dollar ein. Dieser Erfolg brachte eine kleine Welle an lesbischen Langfilmen in Gang bevor das New Queer Cinema zur Millenniumswende in den Mainstream absorbiert werden sollte.

USA 1994 · R: Rose Troche · Db: Rose Troche, Guinevere Turner · K: Ann T. Rossetti • Mit V.S. Brodie, Guinevere Turner, T. Wendy McMillan, Anastasia Sharp, Migdalia Melendez u.a. · engl.OmU · 83‘

New Queer Cinema: queere Ästhetik, Community und Politik jenseits des Mainstreams

Dr. Skadi Loist lehrt und forscht als Wissenschaftliche* Mitarbeiter*in am Institut für Medienforschung der Universität Rostock. Sie arbeitet seit vielen Jahren zu Themen der queeren Filmkultur, sichtbar u.a. in einer Magisterarbeit zum New Queer Cinema, einer Dissertation zu queeren Filmfestivals und dem Band Bildschön: 20 Jahre Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg (2009).. Zu aktuellen Projekten gehört die Studie „Wer dreht deutsche Kinofilme? Gender Report: 2009-2013“ (mit Elizabeth Prommer, 2015) und die Herausgabe des Lehrbuchs Film Festivals: History, Theory, Method, Practice (mit Marijke de Valck und Brendan Kredell, Routledge 2016).

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Brokeback Mountain

Mo 29. August 2016 · 19:30 Uhr · im Cinema
Christian Schmitt: Schwule Cowboys?! Queeres Kino und der Mainstream
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 Western sind, wie schon der Filmtheoretiker André Bazin festgestellt hat, „das amerikanische Kino par excellence“. Seit Beginn des Kinos erzählen sie die amerikanische Geschichte als Mythos der gewalttätigen Eroberung und Erneuerung, und im Zentrum dieses Mythos steht der Westernheld, der als Cowboy eine archetypische Form männlicher Existenz verkörpert. Kein Wunder, dass ein Aufschrei durch US-Amerika ging, als der taiwanesische Regisseur Ang Lee 2005 zwei schwule Cowboys beim Schafe-Hüten und dann auch beim nächtlichen Analverkehr zeigte – und damit drei Oscars gewann. BROKEBACK MOUNTAIN unterzog den Western einer Revision, indem er das sonst im Genre verdrängte mann-männliche Begehren offenlegte und im wilden Westen der 1970er Jahre einen utopischen Freiraum für die unmögliche Liebe von Ennis (Heath Ledger) und Jack (Jake Gyllenhaal) entdeckte.

Der Film ist zugleich ein Melodrama, das mit viel Pathos von ‚großen Gefühlen‘ erzählt, und nicht zuletzt eine Literaturverfilmung, die die gleichnamige Kurzgeschichte von Annie Proulx in bewegte Bilder übersetzt. Dem queeren Kino eröffnete Lees Film Türen zum Mainstream: Seit BROKEBACK MOUNTAIN dürfen auch im Hollywoodkino nicht-heterosexuelle Geschichten erzählt werden, ohne dass der Regisseur um die Finanzierung oder die Schauspielerinnen um ihr Image bangen müssen. „That gay cowboy movie“ hat dem queeren Kino die Cinemaxxe der (westlichen) Welt geöffnet – allerdings auch die Frage aufgeworfen, ob das überhaupt wünschenswert ist.

USA 2005 · R: Ang Lee · Db: Larry McMurtry, Diana Ossana · K: Rodrigo Prieto • Mit Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Linda Cardellini, Anna Faris, Anne Hathaway, Michelle Williams u.a. · ab 12 J. · engl.OmU · 134‘

Schwule Cowboys?! Queeres Kino und der Mainstream

Christian Schmitt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bremen. Nach dem Studium der Germanistik, Niederlandistik und Geschichte in Münster, Leiden und Amsterdam promovierte er 2008 mit einer Arbeit über Kinopathos: Große Gefühle im Gegenwartsfilm (Bertz & Fischer, 2009). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, Gegenwartskino, Literatur- und Filmtheorie, Literatur und Wissen (Medizin, Archäologie, Biologie), Diskurse des Nationalen, Gender und Queer Studies. Seit 2013 Mitarbeit beim Bremer queerfilm festival.

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Folkbildningsterror

Do 1. September 2016 · 19:30 Uhr · LWL-Museum für Kunst und Kultur
Natascha Frankenberg: Into queer Futures – Queerer Aktivismus und das utopische Potential eines Musicals
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Die Zukunft beginnt tanzend und singend, nicht ohne Wut, queer und mit viel Solidarität. Eine immer größer werdende Gruppe von Personen schließt sich den drei Protagonist_innen des Films FOLKBILDNINGSTERROR an, die Theos Mutter aus staatlich repressiven Verhältnissen, die sie krank gemacht haben, retten müssen. In Form von schwedischem Pop, laut und mit queerer Theorie versetzt, sind die Lieder und Choreographien des Films selbst ein Stück Aktivismus.

Sie sind ein Werkzeug auch gegen Homo- und Transphobie, dabei antirassistisch wie feministisch, mit Begehren, Sex und voller Politik.

FOLKBILDNINGSTERROR ist ein queeres D.I.Y. Musical aus Schweden. Entstanden ist es über mehrere Jahre unter der Regie eines Kollektivs, das sich Göteborgs Förenade Musikalaktivister – Göteburgs vereinte Musicalaktivisten – nennt. Musicals wohnt – so hat der Filmtheoretiker Richard Dyer gezeigt – strukturell ein utopisches Moment inne. Immer wieder wird die Geschichte des Films durch die Choreographien unterbrochen, eine andere Zeit als die lineare Zeit der Narration tritt hervor und in ihr die Idee: Was könnte möglich sein oder wie könnte es anders sein?

In Bezug auf eine queere Filmgeschichte mit ihren Entwürfen von Vergangenheiten bleibt weiter zu fragen: Wie können queere Zukünfte aussehen? Welche Utopien halten Film und Kino bereit?

Schweden 2014 · R: Lasse Långström • Mit Göteborgs Förenande Musikalaktivister schwed.OmeU · 118‘

Into queer Futures – Queerer Aktivismus und das utopische Potential eines Musicals

Natascha Frankenberg arbeitet an einem Promotionsprojekt zu Dokumentarfilmen und Bewegungsgeschichte ausgehend von der Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit in den Queer Studies und mit dem Titel: Bewegt werden. Lesarten queerer Dokumentarfilme unter dem Aspekt von Zeitlichkeit. Beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln ist sie für die Queerfilm-Sektion begehrt! verantwortlich. Sie war bis März 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Helene Lange Kolleg: Queer Studies und Intermedialität: Kunst – Musik – Medienkultur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. 2016 erscheint das gemeinsam vom Helene Lange Kolleg herausgegebene Sammelband: Perverse Gefüge. Heteronormative Ordnungen intermedial queeren.

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Spielplan

Freitag, 1. Dezember 2017
22:30
Sonntag, 3. Dezember 2017
11:00
14:45
Montag, 4. Dezember 2017
20:00
Mittwoch, 6. Dezember 2017
22:45
Samstag, 9. Dezember 2017
14:45
Sonntag, 10. Dezember 2017
14:45
17:00
Mittwoch, 13. Dezember 2017
19:00
19:00
Freitag, 15. Dezember 2017
14:45
18:00
Samstag, 16. Dezember 2017
14:45
18:00
Dienstag, 19. Dezember 2017
20:30
Mittwoch, 20. Dezember 2017
22:45
Freitag, 29. Dezember 2017
14:45
Samstag, 30. Dezember 2017
14:45
Sonntag, 31. Dezember 2017
14:45
Montag, 1. Januar 2018
14:45
Dienstag, 2. Januar 2018
14:45
Mittwoch, 3. Januar 2018
14:45
Donnerstag, 4. Januar 2018
14:45
Freitag, 5. Januar 2018
14:45
Samstag, 6. Januar 2018
14:45
Sonntag, 7. Januar 2018
14:45
Mittwoch, 10. Januar 2018
19:00
Samstag, 20. Januar 2018
14:45
Sonntag, 21. Januar 2018
14:45
Samstag, 27. Januar 2018
14:45
Sonntag, 28. Januar 2018
14:45
Sonntag, 11. Februar 2018
17:00
Montag, 19. Februar 2018
18:00
Montag, 16. April 2018
18:00